Böse Buben / Fiese Männer

Ein Theaterstück von Ulrich Seidl , Koproduktion der Wiener Festwochen und Münchner Kammerspiele, 2012

Böse Buben / Fiese Männer ist Ulrich Seidls zweite Arbeit für das Theater, mit Auszügen aus Foster Wallaces grandiosem Erzählband „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ und eigenen Texten. Ulrich Seidl beschäftigt sich mit männlichen Versagensängsten, Gewaltphantasien, Zwangshaltungen; mit dem ganzen männlichen Dilemma in Beziehungen zur Frau und zu anderen paranoiden Dominanzansprüchen. Böse Buben / Fiese Männer handelt über Ängste, Machtfantasien und Demütigungen von Männern erzählt und über den fetischisierten Ort des Mannes: den Keller in all seinen verschiedenen Funktionen als Bastelkeller, Partykeller, Schießkeller, Schutzkeller…

Pressestimmen

[...] Der Striptease, den Seidl seine Darsteller vollführen lässt, ist gnadenlos. Die Sprache, bei Wallace ein Kunstwerk der Trivialität des Bösen, ist in diesem Mix vorwiegend vulgär, so schmerzhaft offenbar für zirka 50 Zuseher, dass sie die distanzlose Schau frühzeitig verlassen. Die Körper der Darsteller wirken so gewöhnlich wie ihre Unterwäsche. Die Situationen sind meist erniedrigend. Und doch entstehen bei diesen Generalbeichten Spuren von Poesie. Sie klingen authentisch.

Seidl bietet eine interessante Reihe von Charakteren mit zum Teil wirklich komischen Geschichten, etwa jener, die bei Wallace am Beginn der Interviews steht: Kraftprotz Michael Thomas hat nur One-Night-Stands, weil er beim Höhepunkt immer „Sieg der Kräfte der Sozialistischen Partei Österreichs“ brüllt. Das kommt nicht immer gut, aber am schlimmsten sind für ihn jene Frauen, die sich dann verständnisvoll geben.

[...] Seidl hat den Wienern aufs Maul geschaut. So reden die wirklich, wenn sie, für gewöhnlich unter Alkoholeinfluss, über den Unterleib als Zeitvertreib nachdenken. Er lässt sie zwischen Monologen „Kein schöner Land“ oder schmutzige Couplets singen, turnen, Bier trinken, Präservative aufblasen, kollektiv Gliedmaßen zu Hakenkreuzen formen oder einzelne Glieder entblößen. Das alles ist geschickt, mit dramaturgischem Gespür abgestimmt. Und schonungslos: „Ich denke immer was, wenn ich nicht kann“, sagt Michael Tregor, der einen Typ mit Potenzproblem gibt. Er offenbart, wie groß sein Aggressionspotenzial ist. Solchen Versagern möchte man auf keinen Fall in einer dunklen Gasse begegnen. Selbst wenn sie am Schluss sentimental „Guten Abend, gut' Nacht“ anstimmen.
Die Presse, 8. Juni 2012

Nackte Männer im Keller
[...] Die schauspielerisch perfekt dargebotenen Redeeinheiten, die ebenfalls von gruppendynamischen Intermezzi durchbrochen werden, sind die Höhepunkte des Abends. Die so grausamen wie glaubhaften Protokolle handeln von Sexualität, Potenzproblemen, Gewalt und Einsamkeit, sie sind von hoher Kunstfertigkeit und ergeben Personenporträts von geradezu bizarrer Schönheit.

Arme Kerle bevölkern hier die Bühne, ihre Defizite haben die Taugenichtse weitestgehend akzeptiert. Lars Rudolph spricht darüber, wie er als Einarmiger Frauen rumkriegt; Georg Friedrich legt nüchtern dar, wie er es fertigbringt, Ladys mit Satinbändern ans Bett zu fesseln: "Ich sage einfach: Hättest du Lust, dich von mir fesseln zu lassen?" Launig wiederum bietet Laiendarsteller Nabil Saleh seine Liebesdienste den Zuschauerinnen an: "Rufen Sie mich an! Ich bin alt, aber gut." Mit seiner unerschrockenen Annäherung an das Phänomen und Phantom Mann ist Ulrich Seidl ein kontroverser Theaterabend geglückt [...]
Wiener Zeitung, 8. Juni 2012

Virtuos sind die Wallace-Monologe umgesetzt: Wenn etwa Georg Friedrich, dessen Markenzeichen sein authentisches und doch ganz gezielt eingesetztes Wiener Prolosprech  ist, erläutert, wie er Frauen dazu bringt, sich von ihm fesseln zu lassen, bringt er die bittere Tragik eines sexuell verkorksten, aber über schärfste Logik verfügenden Menschen ans Licht.
Nachtkritik.de, 5. Juni 2012

In Seidls satirisch höchst gerechtem Stück sind die Männer dumm und fies, oder sie sind die verquersten Romantiker, die sich denken lassen. So viele Muskeln sie auch haben, das Große können sie nicht greifen, also nehmen sie das Kleine in ihrer Hand.
Die Welt, 7. Juni 2012

Stefan Griessemann: Das schwarze Herz der Einsamkeit