Auszug aus einem Interview mit Ulrich Seidl

... Körperlichkeit und, ja, Schönheit: Was assoziieren Sie damit?

Ich denke bei Ihren Filmen immer mehr an Gemälde/Aktstudien von Lucian Freud... Körperlichkeit spielt bei meinen Filmen immer eine große Rolle. Ich liebe es, hautnahe Bilder zu machen; Menschen in ihrer Physis ungeschminkt zu zeigen. Gerade darin, in dem Ungeschönten liegt für mich so etwas wie Schönheit.

Rund um die Trilogie immer wieder die Begriffe: Glaube, Liebe, Hoffnung. Ist Ödön von Horvath für Sie eine Inspiration?

Ich habe als Jugendlicher begeistert Ödön von Horvath gelesen. Seine Romane und Dramen haben auch ein wenig zu meiner Lebenseinstellung und zu meiner Sicht auf das Menschliche beigetragen. Für die "PARADIES" Trilogie hat er aber keinen direkten Einfluss gehabt. Die finale Titelgebung hat sich erst in der Endphase des Schnitts konkretisiert.

Auch wenn jetzt rund um das "PARADIES" oft der Begriff einer "Trilogie" strapaziert werden wird: Jeder der drei Filme hat ästhetisch und erzöahlerisch einen sehr eigenen Duktus. Könnten Sie ausführen, woran das liegt?

Meine filmische Umsetzung, das heißt, wie und in welchen Bildern etwas erzählt wird, richtet sich zum einen nach den örtlichen Gegebenheiten, den Locations, als auch danach, was unter welchen Umständen erzählt werden soll. Dabei spielt die Atmosphäre, in der die jeweilige Geschichte spielen soll, eine große Rolle. Kenia etwa, wo es laut ist und wo durch das Meer, die Palmen, den Strand eine vordergründige exotische Freiheit vermittelt wird: Ich hatte aber im Vorfeld an verschiedenen Orten der Welt recherchiert, auch in der Karibik, in der Dominikanischen Republik, wo es "Sugarmama"-Tourismus ebenfalls gibt. Letzendlich habe ich mich aber für Afrika entschieden, weil mich die aufgeladenen, gesellschaftlichen Zustände, die Wunden der Vergangenheit der europäischen Kolonialgeschichte interessiert haben. Afrika hat mich in seinen Bann gezogen: in seiner Vielfalt und Zerrissenheit, Schrecklichkeit und Schönheit, Armut und Reichtum durch Tourismus, der nichts anders ist als eine zeitgemäße Kolonialisierung. Ich finde diesen Kontinent (auch visuell) endlos inspirierend.

Ulrich Seidl in einem Interview mit Claus Philipp