Auszug aus einem Interview mit Ulrich Seidl

"PARADIES: Glaube" - das ist nicht zuletzt ein Film über religiösen Fanatismus. Wie sind Sie auf diese Geschichte einer "Wandermuttergottes" gekommen?

Im Zuge meiner Arbeit an "Jesus, du weißt" (2003), einem Film über die Intimität mit Gott, haben wir entdeckt, dass in Österreich (und sicherlich auch in Deutschland und anderswo) tausende sogenannte Wandermuttergottes-Statuen kursieren. Sie werden von gläubigen Katholiken, vor allem aber von Frauen, ausgetragen und in Haushalte und Häuser hineingetragen. Wer eine solche Muttergottes annimmt, erwartet sich von ihr heilbringende Wirkung für seine körperlichen und seelischen Nöte. Abgesehen davon, dass dies eine tolle Geschichte für einen Film ist, waren die Hausbesuche ideal, "kleine Geschichten" innerhalb einer großen Geschichte zu erzählen, eine Filmstruktur, die ich seit meinem ersten Kinofilm "Good News" (1990) angewendet habe.

Die Protagonistin des Films ist die Schwester der Sextouristin aus dem ersten Teil der Trilogie – unterschiedlicher können zwei Frauen schwerlich sein. Was darf man sich da an gemeinsamer Familiengeschichte vorstellen?

Die beiden Schwestern, beide Frauen über die Fünfzig, haben ein ähnliches Problem. Sie sind enttäuscht von der Liebe, sie sind enttäuscht von Männern, sie sind sexuell frustriert und haben große Sehnsucht in sich. Aber jede geht damit auf andere Weise um: die eine versucht in Kenia die (fleischliche) Liebe zu finden, die andere sucht in der geistigen Liebe zu Jesus ihr Glück, den sie aber letztendlich auch wie einen irdischen Mann begehrt.

Maria Hofstätter, die Hauptdarstellerin von "PARADIES: Glaube", hat mit Ihnen schon bei "Hundstage" (2001) zusammen gearbeitet. Hat sich über die Jahre hinweg etwas an der gemeinsamen Arbeitsmethode geändert?

Zwischen Maria Hofstätter und mir besteht ein jahrzehntelanges Vertrauensverhältnis und – was die Arbeit betrifft – sind wir beide unverbesserliche Perfektionisten. Unsere Arbeitsmethode richtet sich immer nach den Aufgaben und Intentionen, die wir uns für die Rolle vorgenommen haben. Im Falle der "Wandermuttergottes" war dies für Maria mitunter ein Leidensweg. Sie wusste von Anfang an, dass es für sie sehr schwierig sein würde, diese "religiöse Figur" zu verinnerlichen und anzunehmen, gerade auch deswegen, weil sie streng religiös erzogen wurde, und diese Religion ihr mitunter seelischen Schaden zugefügt hat.

Wie verlief die Recherche von Wohnungen und Lebenswelten für diesen Film?

Wir haben uns eine Wandermuttergottesstatue - was in diesem Fall eine "Rosa Mystica" sein musste - gekauft, und sind von Haus zu Haus und von Tür zu Tür gegangen. Wir haben angeklopft und versucht das zu machen, was wir bei unseren Recherchen mit "echten" Wandermuttergottesausträgerinnen gesehen und kennengelernt haben. Wir haben mit den Menschen gebetet, haben sie ausgefragt und versucht sie vom Glauben zu überzeugen. ....

Ulrich Seidl in einem Interview mit Claus Philipp